Jugend

go4peace-Interview

Interview mit "DER DOM"  -  04./05.2018

IMG 7929

1. Herr Pastor Wacker, seit fast 25 Jahren gibt es „go4peace“. Wie ist „dieses Abenteuer“, wie Sie es nennen, entstanden?

Echte Abenteuer entstehen durch Berührungs-Geschichten. Gott hat mein Herz berührt. Und das hat ER durch das Leid vieler Menschen während des Balkankrieges in den 90ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts getan. Abend für Abend trafen mich in den Nachrichten suchende und bittende Augen. Ich erinnere mich vor allem an die Augen eines Kindes, das unter Granat-Beschuss mitten in Sarajevo geraten war. Ich war Jugendpfarrer unserer Erzdiözese und saß im wunderschönen

Jugendhaus Hardehausen. Knapp zwei Flugstunden von uns entfernt starben Menschen, Tag für Tag. Das hat mich oft am Fernsehen weinen lassen. Ich habe Gott gebeten, uns einen Weg zu zeigen, wie wir diesen Menschen nah sein und ihnen helfen konnten.

Die Antwort kam am Weihnachtsfest 1995. In seiner Predigt fragte Kardinal Lehmann, ob nicht der Wiederaufbau in Bosnien und Herzegowina eine Herausforderung für deutsche Jugendliche sein könne. Diese seine Frage war Antwort auf die meine. Die Frage des Kardinals brannte in mir und ließ mich nicht mehr schlafen. Sofort habe ich mit vielen Freunden, den MitarbeiterInnen des Jugendhauses, mit Kardinal Degenhardt und Kardinal Puljic aus Sarajevo gesprochen. Mir wurde immer klarer: „Du musst es tun!“ Und so sind wir im Frühjahr 1996 erstmals als „Kundschafter“ in dieses völlig zerstörte Land aufgebrochen. Im Sommer 96 waren bereits 29 junge Menschen aus vier verschiedenen Nationen im ersten Wiederaufbau und Begegnungs-Camp mit dabei, damals unter dem Titel. „Hände für den Frieden – dem Frieden Hände geben“.

2. Wie sind Sie persönlich zu der Bewegung gekommen?

Gott hat mich bewegt und ich habe mich bewegen lassen. Zwei Worte Jesu hatte ich von Anfang an sehr im Herzen. „Was ihr den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!“ und „Es gibt keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben gibt für seine Freunde!“ Diese Worte Jesu haben mich aufbrechen lassen. In den ersten Jahren waren wir jeweils vier Wochen in den Begegnungs-Camps auf dem Balkan. Neben dem Wiederaufbau von kleinen Häusern – insgesamt haben wir in den Jahren über 80 Häuser und einen Kindergarten wieder erstehen lassen – haben wir mit den jungen Leuten Begegnungs-Punkte und Friedenskonzerte in den nordbosnischen Dörfern organisiert. Von Anfang an war mir klar: Es geht hier neben dem äußeren Aufbau immer auch um den geistlichen Aufbau. So steht am Beginn eines jeden Tages die Begegnung aller Teilnehmenden mit dem Tages-Evangelium – und das seit fast 25 Jahren. Wir lesen das Evangelium in verschiedenen Sprachen, „verdichten“ die Worte Jesu auf ein kleines einprägsames Motto, wie z.B. „Fang neu an!“ oder „Don’t stop giving!“ (Hör nicht auf zu geben!) und laden die jungen Menschen ein, mit diesem Motto während des Tages Erfahrungen zu sammeln. Abends gibt es dann die Möglichkeit davon zu erzählen. Oft hab ich den Eindruck, mitten in einer modernen Apostel-Geschichte zu sein: „Am Abend des Tages kamen sie zusammen und erzählten Jesus alles, was sie getan und erlebt hatten!“ In der anschließenden Eucharistie-Feier legen wir alle dann Jesus ans Herz, damit ER mit ihnen weiter gehe und sie stark mache.

3. Aus welchen Ländern beteiligen sich junge Christen?

Mittlerweile ist unser Netzwerk über den europäischen Kontinent und darüber hinaus gewachsen. Nach 20 Jahren Engagement auf dem Balkan – aus diesem Engagement ist das Jugendzentrum Johannes Paul II. in Sarajevo entstanden, das mittlerweile in alle Länder des Balkan ausstrahlt und das Papst Franziskus im Juni 2015 besucht hat – haben wir verstanden, in oft verborgene „neue Wunden“ Europas gerufen zu sein. Die Flüchtlingswelle 2015 brachte uns das Leid der ganzen Welt ins eigene Land. So haben wir “go4peace“ mit jungen Menschen aus 27 verschiedenen Nationen, darunter viele Flüchtlinge, bei uns in Kamen gelebt. Ich versuch die Länder kurz aufzuzählen, so wie sie mir kommen: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Norwegen, Schweden, Frankreich, Kosovo, Italien, Polen, Tschechien, Ukraine, Litauen und Slowakei, Ungarn, Rumänien, Eritrea, Pakistan, Syrien, Ägypten, Irak, Sri-Lanka, Brasilien, Kroatien, Armenien, Georgien, Deutschland, Österreich, Slowenien. – Aber es sind nicht nur Christen. Alle sind eingeladen, so wie junge Menschen heute eben sind. Neben katholischen, evangelischen, freikirchlichen und orthodoxen jungen Christen sind immer auch Muslime, Buddhisten und Nicht-Glaubende dabei. Alle stellen sich den kleinen Impulsen aus dem Leben Jesu und erzählen dann ihre Erfahrungen. Und oft hab ich den Eindruck: Inmitten dieser bunten Schar – verborgen in der konkret gelebten Liebe – lebt der, der uns versprochen hat, immer bei uns zu sein.

4. Was verbindet diese jungen Menschen?

Es ist wohl der Traum, miteinander in der EINEN Menschheitsfamilie zu leben – über alle Grenzen hinweg und etwas Großes aus dem eigenen Leben zu machen, bzw. Teil von etwas Großem zu sein. „Be part of a vision!“ . Auf diesem Weg entdecken sie, gemeinsam viel bewegen zu können und wertvoll zu sein. Und sie entdecken, dass das Wort „Gott“ – oft für sie zunächst ein leeres Wort – zu einer personalen Wirklichkeit wird – im wahrsten Sinn des Wortes. Etwas, vielleicht besser Jemand beginnt in ihnen – durch die Kraft des Wortes zu WIRKEN. Das spüren sie. Und sie wollen dran bleiben.

Dazu haben wir zwei Apps entwickelt, die ihnen helfen, auch nach den Camps im konkreten Leben in ihren Heimatländern miteinander über alle Grenzen hinweg verbunden zu bleiben. Die OnWord24 App bringt täglich für 24 Stunden das Tages-Evangelium, das in der katholischen Kirche gelesen wird, dazu ein kurzes einprägsames Motto und konkrete Erfahrungen von jungen Menschen, die gepostet werden können. Diese App gibt es nur in deutscher Sprache. Die OnWord App hingegen bringt einen „Brief für Dich“ - immer orientiert an einem Wort Jesu – in 22 verschiedenen Sprachen. Neben den baltischen, nordischen und slawischen Sprachen ist der Text auch in Arabisch und Russisch zu lesen, über Android und IOS kostenlos downloadbar. Unsere ehrenamtlichen Übersetzer sitzen in der ganzen Welt und sind verbunden im Leben der Worte Jesu. Sie bringen diese „Wirkungs-Geschichte“ voran. Außerdem bringen wir jeden Monat in deutscher Sprache auf dem YouTube-Kanal „pieces4peace“ einen kleinen Film zum Monatsmotto, der mittlerweile auf verschiedenen Wegen weit über 2000 Menschen erreicht. Von Zeit zu Zeit veranstalten wir ebenfalls den live-stream „go4peace“, an dem viele der Jugendlichen aus Europa mit dabei sind.

5. „go4peace“ hat zwei Patrone, den Apostel Jakobus und Papst Johannes Paul II. - arum diese beiden?

„go4peace“ ist ein Weg, der uns in immer neue, oft verborgene „Wunden Europas“ führt, also an Orte, wo Menschen leiden und sich nach Hoffnung sehnen. Als Weg-Geschichte lag es nahe, den heiligen Jakobus, als Patron der Pilger, zu wählen. Da ich im Jahr 2008 den Weg nach Santiago gegangen bin und vielen der Jugendlichen begeistert davon erzählt habe, hat sich auch schon mancher von ihnen auf den Weg nach Santiago gemacht. Jetzt gerade sind zwei junge Leute mit dem Fahrrad von Paderborn nach Santiago aufgebrochen. Und Papst Johannes Paul II. war der große Papst der Jugendlichen im vergangenen Jahrhundert. Er hat die jungen Leute bei den von ihm ins Leben gerufenen Weltjugendtagen „Wächter auf den Morgen“ genannt. Er hat an sie geglaubt und ihnen Großes zugetraut, wie heute auch Papst Franziskus. Und das brauchen wir im jugendlichen Alter unseres Lebens, dass Menschen liebend auf uns schauen und an uns glauben. Unter diesen Blicken wachsen wir. Das habe ich hundertfach erlebt.

6. „go4peace“ ist gelebtes Evangelium. Wie kann man sich dies im Alltag der jungen Leute vorstellen?

Das Evangelium ist wie eine Tablette. Nehme ich eine Tablette in die Hand und schau sie nur an, geschieht nichts. Sie kann ihre Wirkung nicht entfalten. So ist es auch mit den Worten Jesu, die als Buch im Regal stehen und verstauben. Sie können ihre Wirkung nicht entfalten. Die Tablette will gegessen werden, damit sie mit meinem Organismus reagieren kann. Erst dann entfaltet sie, was in ihr steckt und nimmt mir beispielsweise als Kopfschmerz-Tablette den Kopfschmerz.

Sie fragen, wie’s konkret geht. Ich erzähle Ihnen von Amela, einer jungen Studentin aus Shkodra in Nordalbanien, wo wir im Jahr 2017 das go4peace-Camp leben durften. Sie war und ist so berührt von der Kraft der Worte Jesu, das sie sich jeden Morgen nach dem Aufstehen die Onword24 App aufruft und sich das Tages-Evangelium vorlesen lässt-diese Funktion ist auch in die App eingebaut. Dann hält sie 10 Minuten Stille und versucht mit Jesus über dieses Wort zu sprechen. Daraufhin liest sie sich das Motto, das ich Morgen für Morgen in die App einstelle und prägt es sich ein. Mit diesem Motto lebt sie während des Tages und teilt abends ihre Erfahrungen mit anderen, via mail oder WhatsApp oder in der App oder am Telefon. Neulich erzählte sie von einer Begegnung in ihrer Studienstadt in Österreich: „Ein junger Mann, seines Aussehens nach aus dem Orient stammend, stand an einer Kreuzung – offensichtlich verzweifelt nach etwas suchend. Er kam langsam auf mich zu. Zunächst spürte ich ein wenig Angst. Aber schnell verstand ich, dass dieser junge Mann mein Nächster war, den es zu lieben galt. Und unser Motto war auch noch: ‚Hab Mut!‘ Er sprach gebrochen Deutsch. So switschten wir ins Englische. Er suchte eine kleine Gasse in der Stadt und fand sie nicht. Ich nahm mein Handy zur Hilfe und suchte die Gasse. Dann hab ich ihm den Weg in englischer Sprache genau aufgeschrieben und aufgemalt, bis ich mir sicher war, dass er sein Ziel fand. Als er ging, sagte er: ‚Oh, so sehr hat sich noch nie jemand hier in diesem Land um mich gekümmert. Ich fühle mich immer so fremd und so allein. Heute war das anders!‘ Mittlerweile sehen wir uns dann und wann der Bibliothek und winken einander zu.“

7. In diesem Jahr findet das internationale Jugendcamp in Polen statt. Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dort?

Vom 10.-20. August werden wir in Koszalin / Nordpolen sein. Die Jugendlichen dieser Diözese mit ihrem Jugendpfarrer Andrzej waren schon in den Camps in Kamen und in Albanien. Viele Polen reagieren vorsichtig reserviert auf Flüchtlinge aus nicht-europäischen Ländern, vorrangig auf muslimische Flüchtlinge. Polen selbst hat ja auch über eine Millionen Menschen aus der Ukraine aufgenommen. Ängste bauen sich bekanntlich nur in direkter Begegnung ab – eben im gemeinsamen Reden und Tun. So werden wir mit über 100 jungen Menschen aus 15 verschiedenen Ländern in 35 Workshops zusammen leben und arbeiten. Darin werden Brücken geschlagen auch zu jungen Flüchtlingen aus Sri Lanka, Ägypten und Syrien. Aman, eine junge Frau mit syrischem Pass, die in Dubai groß geworden ist, hat unseren Film „be brother be sister“ im Netz gefunden und war so bewegt, dass sie für ein paar Tage zu uns stoßen wird. Sie ist eine hochinteressierte junge überzeugte Muslima, lebt ihren Glauben sehr konkret und trägt Kopftuch. Sie wird eigens mit dem Flix-Bus anreisen, um mit uns zu sein und in einem Workshop ihre Geschichte zu erzählen und ihr Engagement im interreligiösen Dialog darzustellen. In anderen Workshops werden die Jugendlichen mit alleinerziehenden Müttern arbeiten, Wohnungen renovieren, Musik und Tänze einüben, moderne Ordensfamilien und geistliche Bewegungen kennen lernen, in einem „Haus der Barmherzigkeit“ mitarbeiten.

Mittwoch, der 15. August, Maria Himmelfahrt, ist Feiertag in Polen. An diesem Tag werden wir unter dem Motto „Du kommst wie gerufen“ in verschiedenen Workshops der eigenen Berufung auf die Spur zu kommen suchen und nachmittags wird sich Artemida aus Shkodra in Albanien taufen lassen. Sie ist in unseren Camps so von Jesus angerührt worden – wieder eine Berührungsgeschichte – dass sie um die Taufe gebeten hat. „Ich möchte mein Leben Jesus schenken!“ hat sie uns wissen lassen. Ihr Bruder, ein junger Muslim, wird mit dabei sein. Am Samstag, dem 18.08. abends um 19 Uhr werden wir dann auf dem Markplatz in Köslin die große Abschluss-Performance „Peace without borders“ (Friede ohne Grenzen) darbieten mit Liedern und Tänzen, mit Erfahrungen und Botschaften. Wir erwarten ca. 4000 Besucher, zumal wir in einem Workshop am Ost-See-Strand werben werden. Während der gesamten Zeit wird uns das erste polnische Fernsehen begleiten und die Botschaft „go4peace“ in die Weite des polnischen Landes bringen. Und natürlich werden wir dann auch die Onword App vorstellen, so dass mehr und mehr Menschen über ganz Europa mit uns im konkreten Leben des Evangeliums verbunden bleiben, denn es gilt, wie es in der neuen Einheits-Übersetzung heißt: „Werdet Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst!“ (Jak 1,22)

8. Wie stark ist die Bewegung in Deutschland? Und wie sehen Sie die Zukunft von „go4peace“?

Über 1200 junge Leute aus ganz Europa sind mit in den go4peace-Camps gewesen. Davon werden ca. zwei Drittel aus Deutschland sein. Aber ich denke nicht national sondern europäisch. Allein darin liegt für unseren Kontinent die Zukunft, will er seine wunderbare traditionsreiche aus christlichen Wurzeln geprägte Stimme in die Sinfonie der Welt weiter einspielen. Wir haben bereits Einladungen in den Kosovo, nach Rumänien und Tschechien. So werden wir weiter mit jungen Menschen auf dem Weg zu den „Wunden Europas“ bleiben. Dort, so habe ich es mannigfach erleben dürfen, lädt Jesus die Jugendlichen ein, Seine Wunden in dieser Menschheit zu berühren. Und darin finden sie oft in ihre eigenen Berufungen hinein. So sind aus dem Weg go4peace allein 11 Priester und zwei Ordens-Berufungen, einige internationale Ehen und viele Lebens- und Berufsentscheidungen hervor gegangen.

Wir rufen die Jugendlichen Europas in die Wunden der Menschheit, die immer Jesu Wunden sind. Wir laden sie ein, diese Wunden zu berühren und auf einmal verstehen sie, dass da jemand zu ihnen sagt: „Du kommst ja wie gerufen! – Ich hab DICH gerufen!“ Und dann folgen sie diesem Ruf, wie Artemida, die sich am 15. August als junge Albanerin in Polen Jesus schenken will für diesen alt gewordenen Kontinent, der in diesen Jugendlichen kraftvoll und neu wird! Gehen wir weiter – für den Frieden. Let’s go4peace. Dann bricht schon heute der Himmel an, denn ich bin mir sicher: Im Himmel wird nur Friede sein! Und dort haben wir mittlerweile so manchen Fürsprecher, u.a. auch Kardinal Lehman, an dessen Grab wir neulich noch für den Weg gebetet haben, den er ausgelöst hat. Jetzt ist es Seine Aufgabe, weiter vom Himmel aus mit uns verbunden zu sein.

P.S.: Wenn Sie mit uns in den Tagen des Camps „go4peace2018“ verbunden sein wollen, downloaden Sie die Onword24-App und sie erhalten das Tagesmotto, das wir leben. (Onword App für die Monatsbriefe) Weiterhin finden Sie auf dem YouTube-Kanal pieces4peace täglich ab dem 11. August ein kleines Tages-Video, wie auch die Monats-Videos. Und wenn Sie das Programmheft in englischer Sprache gern haben wollen, schreiben Sie an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Dann erhalten Sie es via mail.

Interview DER DOM